Blümele all over. Oder: Back to Bürgerlichkeit.

April, here we come. Freiburgs Himmel erstrahlt in blaustem Blau, die Knospen haben schon all ihre Kraft aufgebracht und strotzen nur so vor frühlingshaftem Hellgrün, das knackiger nicht sein könnte. Gestern habe ich auch den Balkon wieder begehbar gemacht und damit die Zeit eingeläutet, in der er gut und gern als weiteres Zimmer der Wohnung gelten kann und wahrscheinlich sogar öfter genutzt wird als das Wohnzimmer.

Neben Vergissmeinnicht und Ranunkeln durften auch Koriander und Oregano neu einziehen. Aber mit dem ganzen Blumengedöns bin ich ja nicht allein. Erst waren es Kakteen und Sukkulenten, dazu kam der Drang nach Keramik, gern auch selbstgemacht, weshalb Elisabeth Rank auch ganz richtig liegt, wenn sie auf Zeit Online Töpfern zum neuen Hobby des Hipsters erklärt. Auf Regalen und Schränken pranken kleine, frischgezogene Avocadopflänzchen neben dunkelgrün strotzenden Monsterapflanzen, deren Blätter Kunstdrucke zieren und instagram-Accounts füllen. Aber wir sind ja nicht die ersten, die sich mit dieser prachtvollen Pflanze umgeben. Neben Picasso hatte auch schon Matisse das grüne Prachtexemplar für sich entdeckt und nicht nur seine Wohnung, sondern auch die meisten seiner späten Werke, damit geschmückt.

Wie mir die Gärtnerin im Blumenhandel letztens zusicherte: „Ja, bei den Pflanzen gibt’s gerade einen richtigen Retro-Trend, wir verkaufen wieder ganz alte Sorten.“ Und nicht nur das. Wir holen uns die Natur nachhause. Nicht nur den Balkon sollen die alten Sorten schmücken, sondern am besten gleich die ganze Bude soll voll damit sein. Vielleicht nicht mehr im ganz großen Stil, wie um 1800, als man sich die komplette Wohnung mit Efeutapete zukleisterte, um sich bewusst zu machen, in welch zivilisierter Art man doch im Gegensatz zur wilden, frei rankenden Natur in den eigenen vier Wänden zwischen Gedrechseltem und Gewienertem lebte, sondern im kleinen. Im Hübschen.

Wir machen es uns gemütlich, die Pflanzen dürfen einziehen, aber alle schön in ihren eigens dafür hergestellten Töpfchen, und bitte so, dass die Vase und die daneben aufgestapelten Rollen Masking Tape nicht umkippen. Während der Wilde in sich selbst lebt, so Rousseau, ist es der vergesellschaftete Mensch, der immer ein bisschen außerhalb seiner selbst ist. Und weil wir außer uns sind, außer uns unterwegs im Internet, außer uns unterwegs auf Social-Media-Kanälen, außer uns immer in Gedanken an die Neuigkeiten, die gerade auf dem Smartphone eingehen, soll das „außer uns“, das uns zuhause umgibt, natürlich sein. Handgemacht und grün. So oder so ähnlich erinnert mich das doch sehr an einen Begriff, den ich selbst auf Anhieb nicht ins kleinste Detail definieren könnte, für den ich, und wahrscheinlich jeder andere auch, aber sofort ein Gefühl parat habe: Bürgerlichkeit.

Sind die Hipster, von denen Elisabeth Rank spricht, nicht einfach so bürgerlich wie es die alten Pfeifenraucher und die rocktragenden Stickerinnen in ihren efeuberankten Wohnzimmern zu früheren Zeiten waren? Hip – das ist neu, aktuell, modern, innovativ. Das, was wir heute als hip bezeichnen, ist rückwärtsgewandt mit der Tendenz zur Innerlichkeit.

Man macht es sich gemütlich in den eigenen vier Wänden, holt ein Stück Natur rein, natürlich alles in Maßen, töpfert sich selbst die Zitronenpresse und den Filteraufsatz für das morgendliche Kaffeeritual und setzt die hübsche Anordnung gekonnt in Szene. Als innovativ und einzigartig erlebt sich dabei wohl keiner. Hier geht es um ausgestellte Innerlichkeit im Kollektiv.

Was erstmal paradox klingt, denn wozu zu sich selbst kommen, wenn man im Gegenzug alles bebildert und öffentlich zugänglich macht, scheint trotzdem vielen zuzusagen: Auf instagram finden sich massenweise #shelfies mit dem immer gleichen String Regal als Grundlage, die die Individualität der sich damit umgebenden Bewohner einzig und allein in der wechselnden Anordnung der Gegenstände und Dekoartikel auf dem tupfengleichen Regal manifestieren. Mal geht es eher in die #plants-Richtung, mal dominiert die Ausstellung des eigenen Leseeifers durch die farblich sortierte Anordnung der zeigbarsten Bücher und Autoren. Hip sein, das bedeutet nicht einer von wenigen Vorreitern moderner Neuerungen zu sein, sondern hip sein, das bedeutet, sich ganz im Sinne der neuen Kaffeephilosophie, das Beste aus dem Altbewährten herauszufiltern und daraus seine eigene Lebensphilosophie zu spinnen, aber immer in Bezug auf das Kollektiv, das sich zusammen im #interior#inspo-Entwicklungsfluss befindet.

Wir machen es uns zuhause gemütlich. Aber eigentlich leben wir doch alle zusammen in einem einzigen, riesengroßen Wohnzimmer. Wer im eigenen Heim die Möbel verrückt, dessen Follower, Leser, Freunde, werden kurz danach über Snapchat, instagram oder facebook Zeuge davon und auf Pinterest und sämtlichen Blogs bekommen wir Anregungen, was als nächstes anzuschaffen wäre. Die Frage, die sich bildhaft gesprochen daraus ergibt, klingt erstmal abwegig, ist aber auch tagespolitisch aktuell: Wollen wir nicht einfach alle zusammenziehen?

 

Matisse!
Florale Lederbroche von Marni bei Voostore
Hose George von WeMoto bei Kauf dich glücklich
Bedruckter Midirock aus plissiertem Satin bei von Cédric Charlier bei Net-a-porter
Monstera-Aquarell bei Etsy

Kommentar

  1. Lola sagt:

    Wow, Alicja – toller Post. Mir bleibt ein bisschen die Spucke weg bei so viel Treffsicherheit. Ein bisschen in das alles passt ja auch der Kult um die Malbücher für Erwachsene hinein, die sich mit psychedelischen Blümchenmustern quasi Blume für Blume zu Ruhe und Balance kolorieren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Mehr davon