Philosophischer Buchtipp // Unwillkürlichkeit. Essays über Kunst und Leben von Günter Figal.

Kann man etwas komplett unabsichtlich tun? Eigentlich nicht. Bevor man anfängt, etwas bewusst unabsichtlich zu tun, hat man schon darüber nachgedacht. Man tut es dann absichtlich unabsichtlich. Die Kunst würde darin bestehen, gänzlich ohne Absicht etwas zu tun und fraglich ist, ob einem die Handlung dann überhaupt als solche im Bewusstsein bleibt.

Der Philosoph Günter Figal beschäftigt sich mit diesem Thema in seinem neusten Buch. Es trägt den Titel Unwillkürlichkeit. Bevor ich eben zu der Lesung gefahren bin, habe ich kurz mit einer Freundin überlegt, was unwillkürlich genau bedeuten soll. Vergeblich. Der Duden hat mich nur noch mehr verwirrt. Figal hat die Antwort geliefert. Glaube ich zumindest. Mit Unwillkürlichkeit meint er genau das, was ich zu Anfang beschrieben habe. Etwas unabsichtlich zu tun. Figal beschäftigt sich in seinen Essays mit Schlichtheit, Einfachheit, Schönheit und Kunst. Den Anstoß dazu hat ein Zitat des Erfinders der Zen-Teezeremonie geliefert, in dem es genau um dieses Wirrwarr von Absicht und Unabsichtlichkeit geht.

Vor zwei Jahren hat Figal ein ganzes Buch der Betrachtung einer einzigen Keramikschale gewidmet. Es trägt den Titel „Einfachheit. Über eine Schale von Young-Jae Lee.“ Die koreanische Keramikerin orientiert sich an der traditionellen Kunst ihrer Heimat aber auch an den Gedanken des Bauhauses. Ihre Schalen sind benutzbare Kunstobjekte. Man könnte sagen sie sind einfach und schlicht. Figal macht aus diesem kurzen Gedanken ein ganzes Buch, eine Meditation und ein Denken über Einfachheit. Wie oft findet man etwas schön, weil es irgendwie schlicht und einfach ist? Aber was bedeutet das eigentlich? So eine knackige Beschreibung ist vielleicht manchmal ganz schön, aber was Figal da mit seinen Gedanken anstellt, ist schon beeindruckend. Wenn es einfach ist, dann ist es nicht opulent. Nicht facettenreich. Man kann scheinbar nicht viel darüber sagen. Figal kann es – und zwar ziemlich virtuos und ohne dass man den philosophischen Faden verliert. Denn es geht ja immer noch um Einfachheit.

In dem neuen Buch „Unwillkürlichkeit“ geht es im Grunde auch um Einfachheit. Aber auch noch um einen weiteren Aspekt, den diese einfachen Formen mit sich bringen. Oft entstehen sie unabsichtlich. Höchste Keramikkunst ist durch verschiedenste Einflüsse geworden. An der Scheibe, dann im Brennofen – meist lässt sich nicht genau bestimmten, was bei den Vorgängen am Ende herauskommt. Wie die Oberfläche aussieht und wie sie sich anfühlt. Das gleiche passiert beim Schreiben mit der Hand auf dem Papier. Würde man jeden einzelnen Strich genau planen – es wäre keine Handschrift mehr. Nur noch eine Aneinanderreihung einzelner Striche ohne Verbindungen. Der Künstler Julius Bissier hat sich bei seinen schwarz-weißen Tuschezeichnungen wohl auch an der Schreibkunst orientiert. Seine Malereien bestehen oft nur aus zwei, drei Strichen. Diese zerpflückt Figal in seinen Betrachtungen und beschreibt sie. Die Striche sind unwillkürlich entstanden. Zumal Bissier seine Pinsel extra so präpariert hat, dass sie schief und krumm sind und das Malen mit ihnen nicht vorhersehbar ist. Was bedeutet Einfachheit in der Kunst? Wie kann sie überhaupt entstehen und was machen Künstler, um so wenig wie möglich über das Werden ihrer Kunst nachzudenken?

Figal schreibt in seinen Essays über die Betrachtung und das „Lesen“ von Kunstwerken. Aber auch über das Schreiben. Was eigentlich das gleiche ist. Bei beidem entstehen Gewebe von Gedanken und Wortbedeutungen. Er schreibt über Werke der Künstler Frank Lloyd Wright und John Pawson, von Donald Judd, Young-Jae Lee, Tanimoto Kei und Jan Kollwitz, von Julius Bissier, Kammerer-Luka. Ein ganzes Kapitel ist der Künstlerin Agnes Martin gewidmet. Darauf freu ich mich besonders.

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Beitragsbild: Agnes Martin, Untitled # 5, 1998 via artsy
© modo
© Galerie Schlichtenmaier

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