Geschriebene Gedanken #1: Das mit den Kreativen.

„Es gibt zu viele kreative Menschen. Grauenhaft“. Über den Satz, den gestern Abend jemand zu mir gesagt hat, musste ich zuerst einfach nur lachen. Zu viele kreative Menschen kann es doch eigentlich gar nicht geben, oder? Menschen, die Ideen haben und etwas erschaffen – das ist doch an sich eine schöne Sache. Grafiker, Schreiberlinge, Maler, Fotografen, Filmemacher. Man nennt sie „Kreative“ und alle sind sie auf ihre Art kreativ. Und produktiv.

Denn wer sich mit den schönen Dingen dieser Welt beschäftigt, Bildchen macht oder ein bisschen am Computer tippt und Geschichten schreibt, der muss sich anstrengen um sich über Wasser zu halten. Wer so eine Zeit lang gearbeitet hat, jeden Tag Texte geschrieben, Bildchen gemacht und kreativ gewesen ist, für den wird irgendwann auch das Schöpferische zum Handwerk. Kann man sich also an seiner eigenen Kreativität abarbeiten? Kann irgendwann der Punkt erreicht sein, an dem die Hände wund sind und die Knie wehtun? Ein Punkt also, an dem man die Folgen der Arbeit selbst spürt, sie bestenfalls sichtbar werden, und es einen Grund gibt sich eine Auszeit zu nehmen, den Körper zu regenerieren – in Urlaub zu fahren?

Der Kreative kennt keinen Urlaub. Er macht Urlaub während er arbeitet und er arbeitet während er Urlaub macht. So ist das. Wenn er kreativ sein soll, lümmelt er lieber in der Ecke und wenn ihm eine Meeresbrise frischen Wind um die Nase weht, dann kommen ihm die besten Gedanken. Für mich verläuft das Kreativsein wellenartig. Nach einem Hoch kommt ein Tief und andersrum. Es gibt Zeiten da ist man im Flow und kann sich gar nicht retten vor tippenden Fingern und Bildchen im Kopf. Dann kommen wieder andere Zeiten, da könnte man sich den ganzen Tag in sein Zimmer einschließen. Unproduktiv sein vom Feinsten. Nichts tun, noch nicht mal surfen, weder auf Wellen im Meer noch im Netz, keine Einflüsse. Starren. Eine To-Do-Liste haben und diese nicht abarbeiten. Und genau aus dem Nichts, aus diesem scheinbaren Tief, aus diesem Tal, in dem so mancher meint die Muse getroffen zu haben oder einfach nur im Schatten gesessen ist, aus dem steht man auf. Mit einer Idee. Man folgt diesem Wellenmuster, lässt sich mit ihm treiben. Sobald man etwas erwartet, sich dem Wellenmuster anpassen will, entsteht nichts. Gerade das unerwartete Unproduktivsein, das Nicht-Gewollte, das Moment des Nicht-Wollens lässt etwas entstehen. Wenn ich eigentlich am nächsten Morgen eine Reise antrete und meinen Koffer packen muss, mir im Kopf schon die einzelnen Dinge vorschweben, die meine Hände jetzt eigentlich gerade zusammensuchen und einpacken sollten, dann setze ich mich manchmal einfach hin und wandle dann wie aus einer Eingebung an meinen Tisch, krame ein bisschen in Schubladen und ziehe wie zufällig ein bisschen Papier und Stifte heraus. Zwei Stunden später ist es dunkel. Statt dass ich neben einem gepackten Koffer stehe, liegt vor mir ein Stapel Skizzen. Ich kann mir Kreativität nicht vornehmen, ich kann sie mir nur abnehmen.

Das Ideenhaben hat also um sich gegriffen. Es ist zum Beruf geworden. Man kann Geld damit machen. Mit den Ideen, die man sich selbst nur abnehmen muss, kann man Blogs bauen. Man kann Fotos davon schießen oder gar Siebdrucke anfertigen. Künstlerpersönlichkeiten leben wenn nicht in Berlin, dann im Internet zusammen, auf einem Haufen, gießen ihre Vitamin-B-Kakteen während sie auf tumblr Filterkaffee kochen und danach müde ins Bett fallen um gedanklich schon beim Morgenyoga doch lieber in der Bar im Gespräch mit dem richtigen Menschen den ersten Satz des Tages zu twittern.

Ob man bei soviel Raster noch gemütlich seinen eigenen Wellen folgen kann? Die Uckermark ist das neue Prenzlauer Berg, so sagt man. Die Kreativen ziehen sich zurück. Bauen ihr Nest außerhalb des großen, wimmelnden Nestes. Jeder will einzigartig sein und sich abheben. Und trotzdem nehmen sie ihren Eiermann mit aufs Land und die Einheimischen müssen Flat White trinken und Carrot Cake essen. Und dabei essen sie das doch schon immer.

Wer die richtige Sonnenbrille trägt, ist schlau. Und ganz nebenbei auch produktiv. Der schlägt nämlich zwei Fliegen mit einer Klappe, denn die Sonnenbrille ist nicht nur UV-Schutz sondern fungiert gleichzeitig auch als Schild, das man sich einfach übers T-Shirt hängt auf dem in gut zu lesenden Lettern geschrieben steht: Klopf bei mir an, ich bin kreativ. Alle zusammen, wir outen uns, jeder für sich auf seine Art, als Gemeinde mit kreativem Potential.

Vielleicht ist es die Angst, sie zu verlieren, die mich diese Sätze schreiben lässt. Die Freiheit einfach mitzugehen mit mir selbst. Mit meinen Wellen, mich in sie reinzusetzen und sie auszuhalten. Das Gefühl behalten zu dürfen, mich erst von allem um mich herum freischaufeln zu müssen um los spinnen zu können. Die Freiheit, die Welt in Wellen um mich herum wirken zu lassen, mitzugehen und dann von ganz allein und sicher wie der Sonnenaufgang die zündende Idee zu haben. Zu merken, wie sie sich langsam von hinten anschleicht und mich schließlich sanft an der Schulter tippt. Verblüfft von mir selbst bleiben zu dürfen, so ganz ohne Dramaturgie und Anlauf, ohne Teaser oder Koffein was neues entstehen zu sehen.

Die Angst, den Alltag auf sich eintrommeln sehen zu müssen, sodass die Wellen in den Hintergrund treten, sich unter dem ganzen Regengetrommel zu einem ruhigen Gewässer zusammenschließen, unter sich bleiben, in Selbstgespräche vertieft, abgeschnitten von meiner Wahrnehmung. Wenn dann auch kein Sommerjob mehr hilft, wenn das A nicht mehr für Anwesenheitsliste in der Uni steht, die man getrost auch mal von jemand anderem unterschreiben lassen kann, wenn das A dann also für Arbeit steht, die man selbst ausfüllen will. Weil man ist, was man tut.

Darf ich das behalten? Das mit den Wellen?

 

 

images 1 © das Studio von Matisse, 1952 via MoMa 2 © Unterwäsche von Baserange 3 © Spielzeug von Patrick Rylands, Okoloweb

4 Kommentare

  1. Hannah sagt:

    Was für schöne Wörter du doch zu schönen Sätzen formulieren kannst!
    Was bin ich stolz auf meine Cousine!

  2. Antonia sagt:

    Hach, was für ein wunderbarer Text. Und ja, das mit den Wellen darfst du behalten. Ist bei mir genauso. Immer.

  3. Lisa sagt:

    Ach Alicja. Wie gern ich dich jetzt, ja genau jetzt, in den Arm nehmen möchte. Auf bald, ganz bald. OK?

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