Lesetipp: Irma von Tex Rubinowitz

Eine Freundschaftsanfrage auf Facebook. Irma. Der Erzähler hat Irma zuletzt vor dreißig Jahren gesehen.
„Ich bekomme oft solche Anfragen und weiß immer nicht, ob ich sie beantworten soll, was mir das bringen könnte, mal ganz davon abgesehen, dass Facebook ein Wartesaal für Idioten ist und ich mich seit Jahren frage, was mache ich hier eigentlich. Aber dann kam eben diese Anfrage, und die war interessant, und vielleicht läuft es ja darauf hinaus, dass wir alle auf so was warten.“

Tex Rubinowitz ist der Autor von Irma, vielleicht für mich ein Stationen-Roman, denn „struppig“ nennt ihn Ijoma Mangold in DIE ZEIT. Alles beginnt, heute wie damals, mit Irma, mit der der Erzähler eine Wohnung in Wien teilt. Mit der Irma, die Koreanisch lernt, Batterien lutscht und manchmal auf dem Klo einfach einschläft (offenbar weil sie vergessen hatte, warum sie eigentlich dort saß.) Dreißig Jahre liegen da plötzlich vor ihm: „Ein unfassbarer Brocken von einer langen Zeit, mit einem Mal zusammengeschnurrt wie zu heiß gewaschene Synthetiksocken.“ Und wollen erzählt werden.

Also beginnt er. Quer aus seinem Leben, was passiert ist, mit wem er wo ein Bier getrunken hat, oder zwei oder drei, zu was das jeweils geführt hat, von Reisen ins Ungewisse, neuen WGs, Jobs, Liebeleien, Unglücken und Lebensweisheiten. Teilweise wahrscheinlich autobiografisch, dann wieder vielleicht einfach nur hinfantasiert. Ganz sicher ist man sich da nie.

Dann aber wieder gibt es Passagen, die können nur immer so für ihn gestimmt haben. So angefressen sein, nämlich über jahrelanges Leben mit sich selbst als Person und jahrelanges Einvernehmen und Zufriedensein mit seinen eigenen Überlegungen. Mit den festen Werten und Sätzen, die man sich so sagt und mit denen man sich über Wasser hält. Beispieslweise hat der Erzähler einen Heidenspaß daran, Dinge zu wissen, die andere Menschen nicht wissen. Unnützes Wissen sozusagen, dass er sich selbst irgendwie zusammengereimt hat. Für einen Aussenstehenden hochkomplex anmutende Zusammenhänge über Künstler oder Musiker, spezielle Daten und Eigenheiten. Für ihn über die Jahre ganz selbstverständlich.

Und: Listen. Listen schreiben. Das ist für den Erzähler wichtig. Vor allem Listen von Songs. Mit denen kann er Zeiten heraufbeschwören. Man knalle ihm eine Liste mit Musiktiteln vor die Nase und er kann dir das perfekte Bild mit Worten daraus malen. Gedanken, Stimmung, Umgebung, Temperatur, Gerüche – alles eben. Erinnerungen.

Um am Ende seiner Ausführungen dann mit einem Fünkchen Selbstironie, aber eigentlich nur dem selbstverständlichen, trockenen Humor (den er halt so an sich hat) alles poetische, alles intellektuelle, pop-, kultur-, musiktheoretische über den Haufen zu schmeißen. Und den Leser zum Lachen zu bringen.

Er schreibt über Kunst genauso wie über seine Arbeit in der Joghurtfabrik. Musik ist sein täglich Brot, Songtexte sind eine Ausflucht, Erklärungsversuche oder Ankerpunkte, die er natürlich allesamt auswendig kennt. Die leuchten dann ab und zu auf, wie die Zwölf-Uhr-Glocken oder wie große Wellen im Meer, aber eigentlich sind sie immer da – der Kirchturm klingelt alle Stunde, das Meer ist ständig in Bewegung – nur unbemerkter. Wenn sie dann so aufblitzen, die großen Worte in der Sprache oder beispielsweise ein Preisgewinn für einen Text in seiner Biografie, dann nimmt er das nicht als Anlass großspurig auf der großen Welle nachhause zu surfen, sondern lacht trocken über diese Selbstverständlichkeit. Ah ja, so kann’s ja auch gehen. In der Sprache, wie im Leben.

„Ich hatte schon immer geschrieben, Tagebuch allerdings nie, also im eigentlichen Sinne, ich habe Listen geschrieben, all die Dinge, die ich zum ersten Mal gemacht habe, aufgelistet, jeden Tag macht man ja irgendetwas neu, auch wenn es noch so vertraut ist, es kommt auf die Konstellationen an, wie etwas zueinander in welchem Verhältnis steht, natürlich auch Listen von Musiktiteln, solches Zeug, was Nick Hornby später ja auch gemacht hat, den ich aber damals noch nicht kannte. Tut das nicht jeder? Die fünf besten Buddy-Holly-Titel“, die man auf einem Nachtflug zum Jupitermond Io mitnehmen und hören würde:
1. Ummm, Oh Yeah (Dearest)
2. Words of Love
3. Brown Eyed Handsome Man
4. Rave on
5. Let Her Go Into The Darkness“

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Mehr davon