Buchempfehlung für Aufschneider: Treideln von Juli Zeh.

„Treideln. Frankfurter Poetikvorlesungen.“ von Juli Zeh. Warum sollte ich dieses Buch aufschlagen?
Erstmal: Ich habe keinen Bock, mich außerhalb der Uni mit Vorlesungen auseinanderzusetzen. Zweitens: Ist „Treideln“ ein bayerischer Eier-Brotaufstrich oder kann man damit die Wohnung putzen? Drittens: Ich mag Juli Zeh.
Also doch aufgeschlagen.

Und nachdem ich „Treideln. Frankfurter Poetikvorlesungen“ gelesen habe, mag ich Juli Zeh noch ein bisschen lieber. Die Vorlesungen in Frankfurt sind Tradition. Wichtige Gastdozenten, von denen man annimmt, dass sie es drauf haben, schlau über Poetik zu reden, werden dazu eingeladen. So auch vor einem Jahr Juli Zeh. Daraufhin schreibt sie einen Brief an ihren Verleger Klaus Schöffling:

„Kommt nicht in Frage. Man ist entweder Autor oder Poetikbesitzer. Ich bin doch nicht mein eigener Deutsch-Leistungskurs. Ohne mich.“

Anstatt Vorlesungen über Poetik zu halten, legt Juli Zeh schließlich zunächst überzeugend dar, warum Leute, die über Poetik sprechen, „Aufschneider, Quacksalber, Schwächlinge, Oberlehrer, Zivilversager und andere Scharlatane“ seien: Kein Vortrag soll die Studenten über Poetik belehren; Juli Zeh kommt in den Hörsaal und liest die ersten vierzig Seiten aus ihrem bereits vier Tage vorher erschienen E-Mail-Roman „Treideln“.

Juli Zeh lästert ab, sie schreibt eine Anti-Poetik. Während sie mit ihrem Mann, ihrem Verleger und mit Freunden per E-Mail diskutiert, ob sie die Gastdozentur annehmen soll, oder nicht, entspinnt sich eine Geschichte über die fiktive Figur Karl Treidel. „Poetik klingt immer so, als wüsste der Autor, was er da tut – dabei weiß er bestenfalls, was er GETAN HAT.“ Und weil Juli Zeh im besten Fall nur weiß, dass sie eine zweite grüne Tonne wegen ihrem unverhältnismäßig großen Autoren-Papierverbrauch benötigt, aber nicht, was sie tut, wenn sie eine Geschichte schreibt, tut sie es einfach. Während sie so quatscht über den ganzen Müll, der einem als Autor eben passiert – Lehrer, die einen in Schulkassen einladen, um Interpretationen zu besprechen, von denen man als Autor nicht wusste, dass sie überhaupt existieren – erfährt man ziemlich viel über ihren Weg als Schriftstellerin, aber noch viel wichtiger: übers Schreiben.

Schreiben übers Schreiben kann doch eigentlich nur hochgestochen und abstrakt sein, denkt man sich, während Juli Zeh Alltägliches aus dem Autorenleben ausplaudert und dabei ab und zu Sätze raushaut, die schlichtweg Poetik sind. Weil sie Schreiben beschreiben und ich dabei trotzdem Juli Zeh schmunzelnd an ihrem Schreibtisch sitzend vor mir sehe. Denn gerade weil sie nichts von Poetik hält und keine Porzellanpuppen aus Wortblumenkränzen baut, nimmt sie die Bedingungen des Schreibens genauestens auseinander. Mit Sätzen wie: „Schreiben ist eine konzentrierte Form des Kampfs gegen die Vergänglichkeit. Wir wissen, dass es umsonst ist. Und kämpfen trotzdem.“ beflügelt sie meine Gedanken. Um mit dem nächsten Satz fortzufahren und so meinen Blick, den ich gerade eben noch verträumt aus dem Fenster schwenken wollte, direkt wieder auf die Buchstaben zu ziehen: „Peinlicher geht’s kaum.“

Lesen! schoeffling.de/buecher/juli-zeh/treideln

 

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all images © Alicja Schindler

Kommentar

  1. Lyra Paris sagt:

    überzeugt! hätt ich gern zum lesen da! gruß – lyra

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