Leseliste für den Sommer 2016

Der Urlaub steht in der Türangel. Und wenn nicht der, dann zumindest der Sommer, den man mit einem Stapel Bücher auf Balkonien oder im Schatten im Schwimmbad verbringen kann. Weil ich es liebe – während die Wellen schwappen, die Sonne den Rücken wärmt und ich meine Zehen im Sand vergrabe – den Kopf in Bücher zu stecken, habe ich euch eine feine Leseliste mit meinen Lieblingen für diesen Sommer zusammengestellt. Mit dabei sind Romane und Bücher zu den Themen Kunst, Kreativität und Gesellschaft. Habt es fein und ich freue mich, wenn der ein oder andere den Kopf in eine der folgenden Geschichten stecken mag!

 

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RONJA VON RÖNNE / WIR KOMMEN
Über und mit Ronja von Rönne wurde ja schon viel geredet. Sie ist wohl die einzige Autorin, bei der man beim Verlinken kurioserweise auf den Hashtag #ronjavonrönneistscheiße stößt. Weil dem Brotteig ‚Persönlichkeit‘ in dem Fall schon ziemlich viel Hefe beigemischt wurde, widme ich mich mal nur dem Sauerteig ‚Sprache und Geschichte‘. Der ist finde ich ziemlich saftig, um die depperte Metapher zu einem depperten Ende zu bringen. Ich mag Ronjas Art, kleine Beobachtungen in kurze, knackige Sätze zu formulieren. Die Ich-Erzählerin schreibt die Geschichte „Wir kommen“ auf Anraten ihres Therapeuten auf. Der wiederum ist nämlich gerade in Urlaub gefahren. Schließlich fährt sie auch ans Meer. Abwechselnd zwischen der Vergangenheit mit Maja und der Gegenwart mit Karl, Leonie, Jonas und ihrem Kind Emma-Louise entspinnt sich die Geschichte. Die Vier suchen nach etwas, das hilft. Nach etwas, das zusammenschweißt. Etwas, das die Vergangenheit mit der verkorksten Gegenwart, Freundschaft schließen lässt, statt ständig dazwischen zu funken. In Frage kommen dabei ein Fest oder ein Mord. Stellenweise lustig, irgendwie traurig aber meistens gut. Denn: Ronja von Rönne ist eine gute Beobachterin und sie hat es drauf, Atmosphären und Situationen so zu schildern, dass im Kopf ein Bild – inklusive Gerüche und Geräusche – entsteht, das bleibt.

 

 

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SIRI HUVSTEDT / WAS ICH LIEBTE
„Was ich liebte“ von Siri Huvstedt liegt noch vor mir; ich habe es noch nicht gelesen. In dem Roman geht es um zwei befreundete Künstlerfamilien in New York, SoHo. Der Buchrücken sagt, dass Huvstedt „vom Aufbrechen und Ankommen, von Idealen und Lebensentwürfen“ erzählt. Michael Naumann von DIE ZEIT fand, dass es sich bei dem 2003 erschienen Roman um „eine meisterhafte Reflexion über das allmähliche Schwinden von Liebe“ handelt und der Stern bezeichnet ihn als „Hohelied auf die Freundschaft“. Irgendwas also mit den ganz großen Themen; New York, Liebe und Leben, geschrieben von einer tollen Frau. Ich werde es diesen Sommer lesen.

 

 

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ROBERTO SIMANOWSKI / FACEBOOK-GESELLSCHAFT
Bei der „Facebook-Gesellschaft“ von Roberto Simanowski habe ich das erste Mal einen Trick angewandt, von dem ich schon viel öfters hätte profitieren können. Irgendwo im Netz bin ich über dieses Buch gestolpert, wahrscheinlich auf instagram – mit Cappuccino und Kaktus daneben drapiert oder so ähnlich. Daraufhin wollte ich es mir bestellen. Das Ding ist aber quasi druckfrisch, gerade erst erschienen und weil es bisher natürlich noch kein Taschenbuch gab, kam mir das so teuer vor, dass ich eben schnell einen Anschaffungsvorschlag für die Unibibliothek gemacht habe – und schwupps, lag das Buch in meinem Fach. Sehr praktische und günstige Variante, Neuerscheinungen zu lesen. Aber jetzt schnell zum Inhalt: Das Schöne an der Art, wie der Literatur- und Geschichtswissenschaftler Simanowski über die „Facebook-Gesellschaft“ schreibt, ist, dass er gleich zu Anfang den Studenten aus früheren Zeiten – der mit dem Buch vor dem Gesicht gegen den Laternenpfahl läuft – mit dem Smartphone-User von heute vergleicht. Ist doch an sich nichts anderes: der Blick gesenkt und die Aufmerksamkeit ganz woanders als im Hier und Jetzt. Simanowski stellt sich die Frage, was Facebook so attraktiv macht, statt uns pessimisstisch als Opfer zu beschreiben. Er untersucht, was Facebook mit uns – und wir mit unserem Leben – anstellt. Dabei halten sich positive und negative Argumente die Waage. Da wird dann beispielsweise in Bezug auf die kurzen Nachrichten, die wir auf Facebook posten, das Ende der Narration und der Verlust der Reflexion zu einer „Radikalisierung postmoderner Poetik“. Stellen, die eindeutig keine positive Seite haben, werden dadurch umso eindrücklicher: Informationen, welche wir auf Facebook und anderen sozialen Netzwerken über uns preisgeben, sind für andere Zielgruppen als unsere Freunde und Bekannte meist nichts weiter als Kontrollwissen, an das wirtschaftliche und politische Interessen geknüpft sind. Interessant ist auch, dass viele Entwicklungen ihren Anfang schon viel früher genommen haben. Schon Philosophen wie Lessing, Goethe und Schopenhauer und natürlich auch Adorno, Benjamin, Bauman und Baudrillard denken über dieselben Themen vom Verlust der Gegenwart bis hin zur massenhaften Reproduktion nach. Simanowski webt diese früheren Gedanken gut verständlich in seine aktuellen Beschreibungen mit ein. Somit ist das Buch etwas für alle, die wissen, dass es nichts hilft, Facebook manchmal einfach nur in die Wüste schicken und lieber mit Büchern gegen Laternenpfahle rennen zu wollen – sondern dass das Lesen und Denken im Hier und Jetzt einen schnell mal über solche Gedanken hinwegtrösten kann.

 

 

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KAREN KÖHLER / WIR HABEN RAKETEN GEANGELT
Noch nicht gelesen, aber die 2014 erschienen Erzählungen „Wir haben Raketen geangelt“ versprechen Wunderbares: „Es gibt diesen Moment, in dem das eigene Universum zerbricht und weit und breit kein neues in Sicht ist. Über diesen Moment schreibt Karen Köhler. Ihre Figuren stellen sich mit Phantasie dem Leben entgegen, sei es an Bord eines Kreuzfahrtschiffes namens „DeinSchiff“, in der kalifornischen Wüste oder in der sibirischen Wildnis: Kapitulieren kommt nicht in Frage.“

 

 

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HANNO RAUTERBERG / DIE KUNST UND DAS GUTE LEBEN
Hanno Rauterberg ist Kunsthistoriker und Redakteur im Feuilleton der ZEIT. In „Die Kunst und das gute Leben. Über die Ethik der Ästhetik.“ beschäftigt er sich mit der Kunst in der Gegenwart. Das, was sie früher ausgemacht hat, ist heute längst nicht mehr die Regel. Sie durchlebt einen Epochenwandel. Die Kunst ist nicht mehr abseits vom Alltag angesiedelt, sondern mittendrin. Die creative industries erleben einen Boom; alle sind kreativ. Künstler arbeiten im Auftrag. Immer mehr Menschen spekulieren mit Kunst und stapeln sie in Lagern, statt sie aufzuhängen. Es gibt Städte, die Künstler fest anstellen. Es gibt Banken, die zu Wettbewerben aufrufen und Kunst ausstellen und es gibt Künstler, die statt Unikate, Massenware produzieren. Rauterberg überlegt, wie die Kunst sich verändern muss, um den neuen Anforderungen zwischen Kapitalismus, Kunstmarkt und Kunstgesellschaft gerecht zu werden.

 

 

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WOLFGANG ULLRICH / DER KREATIVE MENSCH
Auf dem Umschlag von Wolfgang Ullrichs gerade neu erschienenem „Der kreative Mensch“ steht: „Kreativität war nie knapper als heute, da sie zur Norm geworden ist.“ Ullrich knüpft an die Beschreibungen von Andreas Reckwitz an, der beschreibt, dass Kreativität keine Fähigkeit mehr ist, die nur Künstlern – also Avantgarden oder Nischen – zu eigen ist, sondern die längst jeder einzelne in der Gesellschaft haben sollte. Individualisierung, Selbstverwirklichung und Kreativität sind Begriffe, die uns alle tagtäglich umspielen. Sei es in Überschriften von Artikeln, die uns in unserem Facebook-Stream entgegen ploppen, als Teil von Werbetexten oder als tatsächliche Forderungen im Berufsleben. Ulrich ist Kunstwissenschaftler und Medientheoretiker und setzt sich damit sehr gut lesbar wissenschaftlich auseinander. Er schreibt über das Bloggen, über Inspiration und Künstler als Musen. Dinge, die uns heute fast alle beschäftigen, da wir Teil einer Gesellschaft sind, in welcher der Blick auf den Einzelnen längst nicht mehr durch einen Streifen Papier auf der Laptop-Webcam abgedeckt werden kann.

 

images © Alicja Schindler

Kommentar

  1. schonhalbelf sagt:

    Eine schöne Zusammenstellung; viel Spaß beim Lesen! „Was ich liebte” gefiel mir sehr gut, man muss aber in der richtigen Stimmung sein – ein leichtes Sommerbuch mit einer schönen Liebesgeschichte ist es definitiv nicht. 😉

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