Paula Tobia König. Lieblingskunst aus Leipzig.

Im Februar war ich in Leipzig. Das erste Mal. Da sind wir eines Sonntagnachmittags so rumschlawinert. Wollten nichts besonderes. Einfach nur rumlaufen. Hier und da ein bisschen rumsitzen, hier und da ein bisschen gucken. Da dieses alte Gebäude, wollen wir da mal rüber? Ne, eigentlich nicht. Warum eigentlich nicht? Vielleicht doch.

Also sind wir rübergelaufen zu diesem Gebäude, einmal rein, einmal rum und dann standen wir vor der Hochschule für Grafik und Buchkunst. Schönerweise ist das an solchen Tagen, an denen man nichts will – weder erreichen noch finden noch tun – auch so, dass man dann genau das doch tut: man erreicht nämlich was, man findet was und am Ende tut man auch was. Weil man so glücklich drüber ist, dass die Welt spontan Überraschungen für einen bereit hält.

In der Hochschule für Grafik und Buchkunst war nämlich Diplomausstellung und so liefen wir durch die Hallen, angefüllt und vollgestopft bis oben hin mit Kunst. Malerei, Videos, Installationen, Skulpturen, Plastiken, Gestaltung, alles. Alles war da. Und in einem Raum, da fand ich mein Lieblingsbild. Und das sah so aus:

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Und daneben stand das:

Ich bin dem Zeitgeist immer ein bisschen hinterher. Wenn ich etwas gut finde, ist es schon längst im Mainstream angekommen: z.B. Boyfriend-Jeans. Das Beste Daran: Sie müssen mir das nicht glauben, sondern einfach dieses Bild kaufen. Für sagen wir 4000 Euro. Ob Sie sich’s im Wohnzimmer aufhängen oder damit spekulieren ist mir egal. Sie müssen jedenfalls dieses Jahr nicht mehr: in die Oper, Bio kaufen, an World Vision spenden.

Bio gekauft hab ich trotzdem weiter. Aber das Bild von Paula Tobia König ging mir nicht mehr aus dem Kopf.

Noch bis zum 17.7. hat Tobia in Leipzig die Ausstellung You Shall not Pass. Die Bilder dieser Serie strotzen nur so von Neonfarbe. Die Figuren sitzen in gebeugter Haltung auf Papier mit Dreifach-Linien, welches man mal genauso im ersten und zweiten Schuljahr beschrieben hat. Danach werden es immer weniger Linien. In der dritten Klasse sind es nur noch zwei und in der vierten dann – bevor einem die Grundschule die Empfehlung gibt, auf welcher Schule man weiter lernen soll – ist es nur noch eine einzige, mickrige Linie, auf der man sich austoben soll. Tobias Figuren toben auch. Aber mehr in sich selbst. Ihre Haltungen scheinen verzweifelt. Die Farbe ist so grell, als ob ihnen die Gefühle dadurch noch mehr weh tun würden.

Und dann gibt es da noch diese zweite Ebene, wenn man den Blick abwendet von allem was passieren kann und von allem was erzählbar ist – und einfach nur die Formen betrachtet. Dann werden die Bilder zu Pop-Art-Explosionen, zu Niemandsfantasien, abstrakten Landschaftscollagen, Musterwelten oder zu auf den Punkt gebrachten, schnörkellosen Grafiken.

Tobias Paulette ist so eine, die bewundert wird. Sie will nicht bewundert werden. Aber sie wird es. Wie sie da liegt, gefangen in einer einfachen Ansicht von oben, schaut sie so selbstbewusst. Man will fast sagen in die Kamera hinein. Aber es ist keine Kamera, sondern Tobias Pinselstriche, die diesen Moment scheinbar so spontan eingefangen haben. Paulette schaut zeitlos, selbstbewusst, fordernd, arrogant, oder vielleicht auch einfach nur in sich ruhend. Wenn sie durch ihre geschwärzten Acryl-auf-Leinwand-Augen überhaupt richtig schauen kann. Die Arme hinter dem Kopf verschränkt, während die Farbe langsam über ihren Körper läuft. Malerei und Geschichte greifen ineinander, erzählen eine einzige Geschichte. Und genau das ist es vielleicht auch, was ich an Tobias Bildern so mag. Sie stellt nicht Geschichten über Formen und Farben – oder andersherum. Sie lässt beides miteinander erzählen. Keine Ahnung was besser ist, mehr Wert oder mit was man mehr Gefühle wecken kann. Es sind Bilder. Und bei Tobia erzählen sie linear (hi Lessing!) und gleichzeitig erzählen sie von Nichts. Von Farben, die eine Regung auf den Punkt treffen.

tobia-koenig.com
Ausstellung im Raum.Weisz in Leipzig noch bis Sonntag, 17.7. Hier geht’s zum Event. 

YOU SHALL NOT PASS //

»im ereignistunnel biographie geht vieles und vieles viel zu schnell. kaum sieht man was kommen, ist es da und war dann auch gleich schon gewesen. manchmal schneller, manchmal langsamer. zum ständig mitschreiben reicht die zeit jedenfalls nicht. ein paar sätze vielleicht unter den headlines. ein häkelmuster aus worten, ein transparenter vorhang der stetig wächst und dichter wird. man gibt euch neuronengespenstern eine passende 2d-form. die füllfarben stehen in einem schrank, für den man sich den schlüssel in der verwaltung besorgen muss. amphetamine und vitaminreiche technicolor-essenzen. bitte mit arbeitsschutzbrille. hier werden nägel mit köpfen gemacht. dann wird alles gleich überraschend leicht, nämlich auf papier, quartiert; dasselbe zeug auf das die anderen ihre endlosen wortketten quetschen. lyrik in optischen essenzen, glücklich, ein so exklusives zuhause einen beherzten stein- wurf vom mainstream entfernt gefunden zu haben.« – tilo baumgärtel

 

PAULETTE //

»Es war eine dunkle,
unbarmherzige Nacht.
Schwer zu sagen ob es Schatten waren,
die sich so näherten, im Verborgenen.
Es war heiß und die Bodenplatten dünsteten
den schwülen Hochsommertag aus,
den wir hinter uns hatten.
Kein Lüftchen zog, kein Wesen wollte
sich bei uns haben. Ich sog dieses
sauerstoffarme Gemisch ein und schlug mir
ein paarmal unsanft gegen die Stirn.
Es half nichts, ich wurde weder die
Trägheit, noch die Angst los.«

Bildschirmfoto 2016-07-11 um 21.17.27

 

JOLANTA UND ICH //

 

LANDSCAPES //

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