‚Diese Dinge geschehen nicht einfach so‘: Taiye Selasi in Freiburg

Warum ich auf Literatursendungen reinfalle und nicht auf Verkaufssendungen im Bereich Küche und Kosmetik? Vielleicht weil ich Töpfen auf einen Blick ansehe ob ich sie brauche oder nicht. Und mir diese schnelle Urteilsfähigkeit nach einem Blick auf den Buchdeckel verwehrt bleibt. Denn eigentlich wollen doch die rhetorisch hochbegabten Menschen, die im Kopf die Kommas mitzählen, nichts anderes als die, die sich Glitterspray auf die Hände auftragen, um die neue Anti-Aging Creme besonders ansprechend zu präsentieren – überzeugen.

So hat mich also Denis Scheck eines Abends von Taiye Selasi und ihrem Debütroman „Diese Dinge geschehen nicht einfach so“ überzeugt. Eine Frau mit nigerianischen und ghanaischen Wurzeln, die Cello und Klavier studiert und ihr Studium der internationalen Politik in Yale und Oxford absolviert hat. In London geboren und in Amerika aufgewachsen, umgezogen nach New York, New Delhi und Rom.

400 Seiten. „Kwaku dies.“, beginnt Taiye Selasi. Sie lässt den ghanaischen Vater, die zentrale Figur ihres Romans, innerhalb der ersten zwei Wörter sterben und erweckt im Folgenden die inzwischen auf der ganzen Welt verstreut lebenden Familienmitglieder zum Leben. Die geheimnisvollen Zwillinge, den scheinbar perfekten ältesten Sohn und die jüngste, an Bulimie leidende Tochter. Bis sie sie am Schluss endlich alle versammelt, in Ghana, zur Beerdigung ihres Vaters.

Eine Woche und 399 umgeblätterte Seiten später kann ich nicht ganz glauben, dass Taiye Selasi tatsächlich nach Freiburg kommt. „Diese Dinge geschehen nicht einfach so“. Und sie haben mich begeistert. Zwei Wochen später stehe ich am Abend des zweiten richtigen Frühlingstages vor den Treppen zum Peterhofkeller und drehe mich kurz zur Seite – als zwischen ocker- und beigefarbenen Jack Wolfskin-Rucksäcken ein kobaltblauer Rock mit schwarzer Haarmähne vorbeirauscht.

Taiye Selasi spricht mit warmer Stimme, ruhig und weich. Sobald sie zu lesen beginnt, scheinen ihre Worte wie von selbst einem Rhythmus, einer Melodie zu folgen. Und wenn sie einen neuen Absatz beginnt, findet sie zu diesem Rhythmus zurück. Ein Zweiviertel Takt, Vivace, lebendig. Das Schreiben sei für sie so ähnlich wie das Komponieren, sagt Taiye Selasi und beschreibt ausladende Gesten, wie die einer Cellistin in der Luft. Ihre blumige Sprache im Geschriebenen wird durch das offene Lachen auf der Bühne ehrlich – und greifbar. Woher sie die Inspiration nimmt? Wenn sie das wüsste, wäre sie öfters an diesem Ort.

In einem ihrer Essays setzt Taiye Selasi den Begriff „Afropolitan“ in die Welt. Denn Menschen mit afrikanischen Wurzeln, die in großen Metropolen leben und arbeiten, sind für sie die „coolest-damn-people-on-earth“. Sie erzählt von diesen Menschen, sie ist selbst so ein Mensch. Wenn sie jemand fragt, warum sie so gar nicht ghanaisch rüberkommt, erwidert sie dem Fragenden, warum er so „not well-traveled“ rüberkommt. Und dass sie in London geboren ist. Aber eigentlich keinen britischen Akzent hat, weil sie in Amerika aufgewachsen ist. Und inzwischen in Rom lebt.

Als ich „Taiye Selasi“ nach der Lesung in Google eingebe, überzeugt mich ihr twitter Account davon, dass die junge Autorin nicht direkt aus dem Colombi Hotel in ein Auto mit schwarz getönten Fensterscheiben gestiegen ist. Sondern, dass sie die pastellfarbenen Häuser neben Dettlinger bewundert hat, den Rapper vor der Hauptpost, die auf Kopfsteinpflaster und Straßenbahnschienen ihr Leben riskierenden Radler. In „sun-kissed Freiburg“, zwitschert Taiye Selasi, habe sie gelegen, “listening to birds and bells“. Eine twitter-Kompliment-Tirade auf Freiburg – von einer der „coolest-damn-people-on-earth“.

 

taiyeselasi.com
twitter.com/taiyeselasi

all images © Taiye Selasi
via twitter

 

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