Antike trifft Memphis trifft Marmor: Terrazzo. Über das begehrte Muster.

Und plötzlich steht man drin. Eigentlich in einem Laden, aber in Wirklichkeit steckt man tief drinnen in der Geschichte. Stellt euch also vor, ihr betretet einen Laden, der komplett ausgestattet ist in einem bestimmten Muster. Von den Wänden, über den Boden bis hin zu den Auslagen. Sogar die Capsule Collection. Den Parisern muss es diesen Sommer so gegangen sein, als sie bei Maison Kitsuné über die Schwelle getreten sind.

Da liegt er dann vor einem, der Strang der Geschichte mit den ganzen Designern und Künstlern. Mit ihren Geschichten und Herkunftsländern mitsamt der daraus entstandenen Werke, Produkte und Muster. Scheinbar wahllos, vielleicht auch irgendeinem Zeitgeist folgend, Ereignisse aufarbeitend, ein bestimmtes Farbthema treffend oder einfach dem ausschlaggebendem Moment (das richtige Foto am richtigen Ort zur richtigen Zeit auf instagram) folgend, bestimmt ein und dasselbe Muster nach und nach ganze Wirtschaftszweige. Die Modemacher, Designer, Architekten, Cafébesitzer – alle springen sie auf, auf den einen Zug.

So war das einmal, oder ist es teilweise immer noch, mit Memphis und den Mustern, die sich daraus ergaben. Die verrückten Formen wurden vielfach weiterverarbeitet oder aufgegriffen, sei es im Grafik-, Möbel- oder Modedesign. Ein weiteres Mal ist es nun so ähnlich passiert: Das Stichwort ist Terrazzo.

Ich zähle mal auf. Man lernt ja bekanntlich am besten am lebenden Objekt: Acne brachte die passenden Sweatshirts und Schuhe raus. Carven kam genau wie Maison Kitsuné gleich mit einer ganzen Capsule Collection inklusive Gürtel, iPad case und Tasche im angesagten Muster an. Zwei Schweizer Produktdesigner gründeten ihr eigenes Terrazzo Project und entwerfen nun ganze Produktlinien von dem Terrazzostil ausgehend oder statten Pop up Shops damit aus. Nutzer von Tumblr fanden ihre neue Bestimmung und Nische.

Chen Williams macht Schmuck, Designer wie Bentu entwerfen Lampen und  es entsteht ein Arsenal an gemusterter Homeware, wie diese schicken Schneidebretter von Makers and Brothers oder Dark Room London. Ein Produktdesigner entwirft eine ganze Möbelserie und macht mit seinem neuen, aus dem Terrazzo entstandenen Material namens „Marmoreal“ die Architekturszene ganz hibbelig. Dazu aber später mehr.
Es entstehen Bars und Cafés mit Terrazzoböden,-wänden und -fassaden, wie beispielsweise in New York, oder in Mailand mit dem neuen Café von Wes Anderson.

 

 

Um die Geschichte von Terrazzo in kurzen Worten erklären zu können, muss ich ziemlich weit zurück greifen. Seit der Antike schon ist das Material als Bodenbelag bekannt. Auf eine Unterlage aus Estrich setzt man abgeschlagene Teilchen von verschiedenen Natursteinen, darunter auch Marmor, Kalk, Dolomit und Zement, um schließlich das Ganze auf Hochglanz zu polieren. Charakteristisch ist das fragmentarische Muster, bei dem nur einzelne Stückchen der verschieden farbigen Steine zusammen ein großes Ganzes ergeben. Den Namen hat Terrazzo von einer Stadt in der Provinz Verona bekommen. In Italien wurde das Material in der Vergangenheit in unwahrscheinlich vielen Bauten verwendet. Ganze Paläste in Venedig erstrahlen in Terrazzo.

1983 kam es dann zu einer entscheidenden Wende: Designer Shiro Kuramata entwarf in diesem Jahr für die Memphis Design Group und seinen guten Freund und Mitbegründer der Gruppe Ettore Sottsass den Nara Table. Und zwar aus einem Material, das er stark an Terrazzo anlehnte, nur statt Steinen verwendete er Splitter aus Glas.

Er selbst nannte sein neu entworfenes Muster „Star Piece“, das er in der Zukunft so oft verwendete, dass es nach und nach zu seiner ganz eigenen Handschrift avancieren sollte. Er schmückte damit ganze Möbelreihen und Produktserien, auch Designer Ettore Sottsass fertigte mit dem Muster eine Skulptur. Ettore war verliebt und Terrazzo wiederbelebt.

 

 

Erst letztes Jahr, 2014, kam es zu einem erneuten Geniestreich, diesmal vom britischen Produktdesigner Max Lamb. Er tat es Shiro Kuramata gleich und erfand an das ursprüngliche Terrazzo angelehnt ein Material, das er Marmoreal nannte. Es besteht, statt auch aus Kalk oder Dolomit, ausschließlich aus farbigen Marmorfragmenten, aber aus vier verschiedenen Arten. Daraus entstand eine Möbelserie, die sechs Teile umfasst.

Dzek ist eine englische Firma, die spezialisiert ist auf die Produktion von besonderen Materialien. Sie haben sich der Umsetzung von Lambs Marmoreal angenommen, sodass die Platten an Architekten und Designer geliefert und in Kunst-, Wohn- oder Shopkonzepten eingesetzt werden können. So geschehen beispielsweise in einem Hermès in Paris oder wie gesagt bei Maison Kitsuné. Das Material, das dort die Wände und den Boden bedeckt, ist komplett das Marmoreal von Max Lamb, geplant wurde das Projekt vom Architekturstudio Ha-au.

 

Also, ich rekapituliere nochmal: steht man also jetzt gerade in diesem Laden, umgeben von einem Muster, dürfte es darin ganz stark nach Antike riechen. Aber auch nach venezianischen Palästen. Nach Memphis Milano und Designlegenden wie Kuramata und Ettore Sottsass. Und natürlich dank Max Lamb nach Marmor, der ja irgendwie auch seine ganz eigene Trendphase durchlebt hat.

Marmoreal vereint also vielleicht das Bunte, Fordernde und Knallige von Memphis mit dem zurückhaltenden Schlichten von Marmor. Könnte sein. Könnte aber auch nicht sein. Denn vielleicht war auch einfach jemand zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Damals wie heute.

 

Links, für die die gern noch mehr wissen wollen:
Max Lamb über die Produktion von Marmoreal
Interview mit Max Lamb bei Opening Ceremony
Shiro Kuramata bei Vitra Design Museum
zu Material und Herstellung: Dzek
Capsule Collection Marmoreal Maison Kitsuné

Images © Max Lamb, Ha-au, Maison Kitsuné, Alice Alva, farfetch, Tumblr von terrazzo, Dzek, Mutual Art, Terrazzo Project, Acne, Bentu Design, Archiexpo, Makers and Brothers, 1stdibs, Chen Williams, Dark Room London

Kommentar

  1. Sara sagt:

    Super Artikel!!

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