The Absent Body: Darstellung von Weiblichkeit in Architektur und Interieur

Das Interieur ist viel mehr als Design. Hinter der individuellen Einrichtung steckt viel mehr als Gemütlichkeit und mehr als Funktionalität. In Räumen drücken sich Persönlichkeiten aus. Und zu Zeiten von Fotografien auf Blogs, Pinterest und Tumblr werden diese Bilder von Einrichtungen veröffentlicht und geteilt. Sie zeigen Persönlichkeiten und sind eine Form der Selbstdarstellung. Das Private wird öffentlich.

Schon Walter Benjamin schreibt 1929: „Wohnen heißt Spuren hinterlassen.“ Er beschreibt den Wohnraum als privates Universum. Als die eigene „Loge im Welttheater“.

Die Architektur- und Medienwissenschaftlerin Beatriz Colomina hat ungefähr 60 Jahre später einen Aufsatz zu Gender und Raum veröffentlicht. In „Split Wall: Domestic Voyeurism“ schreibt sie über Architektur und die Darstellung von Geschlecht über Innenräume. Dabei behandelt sie die medialen Reproduktionen der Räume (also Fotos, Filme und Texte) gleichwertig wie den realen Raum.

Zuerst analysiert Colomina die Häuser des Architekten Adolf Loos. Sie beschreibt die psychologischen Dimensionen der Raumaufteilung und der Anordnung der einzelnen Möbel im Raum. Das Loos’sche Haus sieht sie als „theater box“: Die auftretenden Personen sind die darin lebenden Familienmitglieder. Sie lieben, streiten, kämpfen, lachen, weinen, sterben, bringen Leben zur Welt. Der Bewohner tritt also auf. Er ist Protagonist auf der Bühne des Hauses. Aber er ist nicht nur Darsteller, er wird auch zum Gesehenen. Die Architektur „rahmt“ ihre Bewohner. Schon im Zusammenhang mit Loos‘ Architektur verweist Colomina auf Räume, die als männlich und auf solche, die als weiblich markiert werden.

In dem Film „L’architecture aujourd’hui“ von 1929 werden Villen des Architekten Le Corbusier von innen und außen gefilmt. Bei der Beschreibung dieser Kamerabilder wird die Autorin noch deutlicher in Bezug auf die Geschlechterthematik. Sie beschreibt den Blick der Kamera auf Frauen im Gegensatz zu dem auf Männer. Die männlichen Personen werden laut Colomina so gefilmt, wie sie gefilmt werden wollen. Sie schauen aus dem Fenster oder blicken in die Kamera. Die Frauen dagegen schauen nie direkt in die Kamera. Ihre Silhouetten werden von hinten eingefangen. Die Kamera erhascht zufällige Blicke auf die Frau. Der Zuschauer wird zum Voyeur. Sie bewegen sich in der Architektur, die ihre Körper verschwinden und auftauchen lässt. Die Männer dagegen positionieren sich absichtlich in den Räumen und die architektonischen Formen umrahmen ihre Körper.

Die Frauen schauen in den Aufnahmen niemals aus dem Fenster – sie schauen ihre Männer an. Zum Beispiel wie sie am Esstisch sitzen und über die neusten Weltgeschehnisse in der Zeitung lesen. Colomina fasst zusammen: „The woman looks at the man, the man looks at the ‚world‘.“

Genau diesen Text hat die deutsche Künstlerin Sarah-Jane Hoffmann kürzlich in ihrer Arbeit The Absent Body verarbeitet. Es geht um Blicke und Körper im Raum und im Rahmen von Architektur. Die Installation aus Stahl schlängelt sich elegant durch den Raum hindurch. Je nachdem wo man steht und wie man sich an ihr entlang bewegt, entsteht ein anderer Eindruck von der Form und ein neues Raumgefühl. Die einzelnen Abschnitte erinnern an Blicke aus dem Fenster oder Kameraperspektiven. Dem Besucher bleibt es selbst überlassen, wie er sich positioniert und welche Rolle er in der architektonischen Installation einnimmt.

sarahjanehoffmann.com
Hier geht’s zum Aufsatz von Colomina: edu.pdf
Er ist in dem Buch „Sexuality and Space“ erschienen, in dem es viele weitere interessante Aufsätze zu dem Thema gibt, z.B. Architecture and Feminism (von Debra Coleman), The Sex of Architecture (von Diana Agrest) oder Women and the Making of the Modern House (von Alice T. Friedman).

“She appears as a silhouette, mysterious and desirable, but the backlighting also draws attention to her as a physical volume, a bodily presence within the house with its own interior.”

 

Installation views CINNNAMON, Rotterdam, Photography by Noortje Knulst

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